In unmittelbarer Nähe zum Meer entstand Hansel and Gretel im Sommer 1975 in Shippan Point, Stamford, Connecticut. Dort verwandelte Helen Frankenthaler das Wohnzimmer ihres gemieteten Hauses an der Ocean Drive West in ein Atelier, sodass sie während der Arbeit durch die großen Fenster auf den Long Island Sound blicken konnte. Wie Jackson Pollock legte sie die Leinwand auf den Boden des Ateliers und drehte sie häufig während und sogar nach dem Malprozess. In horizontaler Ausrichtung fängt das Werk ein Echo der Meereslandschaft ein, die sich durch die Fenster bot – seine lineare Komposition erinnert an sich zurückziehende Schichten von Land, Meer und Himmel sowie an den Eindruck einer hellen, weißen Sonne, die sich dem Horizont nähert.
„An der Ocean Drive West blickt man ständig auf Horizontlinien – Horizontlinien, die sich verändern“, erklärte Frankenthaler. „Es gibt verschwommene Teile von Long Island jenseits des Sounds; Teile davon sind sichtbar, andere nicht … Ich schaute nicht auf die Natur oder die Meereslandschaft, sondern auf die Zeichnung in der Natur.“[1]
Helen Frankenthaler (1928–2011)
Hansel and Gretel, 1975
Aktuell ausgestellt: Ja (Helen Frankenthaler moves Jenny Bronsinksi, Ina Gerken, Adrian Schiess)
Material: Acryl auf Leinwand
Größe: 236,5 cm x 147 cm
Inv-Nr.: B_624
Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn; Copyright: Helen Frankenthaler Foundation, New York
Schlagworte:
Ankauf: Sammlung Reinhard Ernst, 2025
Hansel and Gretel steht in einer Reihe von Werken, in denen Frankenthaler die Vertikalität betont. Zum einen entschied sie sich, Bilder aus dem Quer- ins Hochformat zu drehen (vgl. Sea Level, 1976). Zum anderen arbeitete sie zunehmend mit senkrechten Farbbahnen, die den Blick nach oben lenken (vgl. Lunar Avenue, 1975). In dieser Zeit experimentierte sie mit Klebebändern, mit deren Hilfe sie bestimmte Partien maskierte und aussparte.
Durch den Titel vermittelt Hansel and Gretel unweigerlich das Gefühl, vor einem Märchenwald zu stehen. Frankenthaler selbst beschrieb das Malen einmal als „eine Art Hansel-und-Gretel-Spur körperlicher Aktion“[2] – eine Vorstellung, die deutlich macht, dass Malerei für sie nicht bloß Darstellung, sondern ein körperliches Durchmessen von Raum und Fläche, ein Prozess der Spurensuche war. Tatsächlich hat Frankenthaler eine echte Fährte ihres Pudels Martell im Bild belassen, der die Leinwand in ihrem Atelier überquert hatte.