„Was ich mir für meine Gemälde wünsche, ist einfach ein Farbsprühnebel, der wie eine Wolke hängt, aber seine Form nicht verliert.“ [1] Von dieser Vorstellung ausgehend entwickelte Jules Olitski Mitte der 1960er Jahre eine neue Maltechnik. Er besorgte sich eine Druckluft-Spritzpistole und begann, Farbe nicht mehr aufzutragen, sondern in die Luft und auf die Leinwand zu sprühen.
Eine farbige Nebelwolke sehen wir in Dolly Haze (1965), das den Beginn seiner Spray-Paintings markiert. Bereits der Titel verweist auf Dunst, Nebel und Schleier, die für Olitskis neue Bildauffassung zentral sind. Farbe erscheint hier nicht mehr als Mittel zur Formbildung, sondern wird selbst zum Inhalt: Sie liegt wie ein dichter, vibrierender Schleier auf der Leinwand, zugleich intensiv und durchlässig. Olitski beschrieb dieses Ziel als ein Sehen der Farbe „in und durch die Oberfläche“ [2], nicht lediglich auf ihr.
Für diese Arbeiten legte er das unbehandelte Gewebe auf den Boden und schichtete Farbsprühungen in wechselnden Dichten in- und übereinander, bevor er den endgültigen Bildausschnitt festlegte. Bewusst verzichtete Olitski auf sichtbare Handschrift, klassische Komposition, Symmetrie oder Geometrie. Clement Greenberg hob hervor, dass die besprühten Oberflächen eine einzigartige Wirkung entfalten: „eine Illusion von Tiefe, die alle Andeutungen von Tiefe gewissermaßen auf die Bildoberfläche zurückdrängt.“[3]
In den späten 1960er Jahren stellte Olitski international aus. 1966 vertrat er gemeinsam mit Helen Frankenthaler, Roy Lichtenstein und Ellsworth Kelly die Vereinigten Staaten auf der Biennale in Venedig, 1968 nahm er an der documenta 4 in Kassel teil. 1969 ehrte das Metropolitan Museum of Art in New York Olitski mit seiner ersten Einzelausstellung für einen lebenden amerikanischen Künstler. Werke wie Dolly Haze stehen exemplarisch für seine Malerei als „flood of surface“ – ein Spiel mit Farbe, Licht und Raum, das die Leinwand in eine vibrierende, atmende Präsenz verwandelt.

Jules Olitski

Dolly Haze, 1965

Aktuell ausgestellt: Ja (Ja (Wolfgang Hollegha. Denk nicht, schau!))

Material: Acryl auf Leinwand
Größe: 173,5 x 169,5 cm
Inv-Nr.: B_209
Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn

Schlagworte:

Provenienz

Verkauf: Waddington Galleries, London; Vorbesitz: unbekannt; Verkauf: Kasmin Gallery, London; Vorbesitz: unbekannt
Ankauf: Sammlung Reinhard Ernst; Sotheby’s Italia Srl, Mailand, 2011

Fußnoten

[1] Jules Olitski: „How My Art Gets Made,” Partisan Review 68, Nr. 4 (Herbst 2001), S. 617–623, hier S. 617.
[2] Jules Olitski: „Painting in Color,” United States of America, 33rd International Biennial Exhibition of Art, Venedig, 1966, S. 39. Wiederabgedruckt in leicht überarbeiteter Fassung in Artforum, Januar 1967. Zit. n. Kenworth Moffett: “Jules Olitski’s Sculpture”, in: Artforum, April 1969, Bd. 7, Nr. 8. Online publiziert: https://www.artforum.com/features/jules-olitskis-sculpture-210828/ (Aufruf: 18.12.2025).
[3] Clement Greenberg: „Introduction to Jules Olitski at the Venice Biennale,” in: Collected Essays and Criticism, hrsg. von John O’Brian, Bd. 4: Modernism with a Vengeance, 1957–1969, Chicago 1995, S. 230.