Auf der Bildfläche von Werken wie Untitled #4 (1972) von Larry Poons bestimmen Schwerkraft, Farbdichte und Bewegung den visuellen Eindruck. Farbströme fließen abwärts, verzweigen sich, stauen sich oder folgen – bei gedrehten Leinwänden – unvorhersehbaren Bahnen. Unterschiedliche Wurfwinkel und Fallgeschwindigkeiten erzeugen dynamische lineare Spuren, die den Fluss der Farbe selbst sichtbar machen. Die Wurf-Bilder entstanden nicht durch klassische Komposition, sondern durch Entdeckung.
Diesen Arbeiten liegt ein mehrstufiges Verfahren zugrunde. Poons färbte die Leinwand zunächst monochrom ein, bevor er große Mengen Farbe auf die vertikal aufgehängte Fläche schleuderte. Die Bewegung der Farbe entzieht sich bewusster Kontrolle und folgt eigenen Gesetzmäßigkeiten. Poons beschreibt diesen Ansatz mit den Worten: „Ein Eimer ist ein Pinsel […] Malen folgt seiner eigenen Physik.“ [1]
Den Ausgangspunkt für diese Entwicklung bildeten Experimente, die Poons nach dem Besuch von Jules Olitskis Ausstellung im Metropolitan Museum 1969 begann, als er erstmals Leinwände auf den Boden legte und mit Farbflächen arbeitete. Diese Arbeiten gelten als Vorstufe der späteren Elephant Skin-Paintings, gehören jedoch noch nicht zu dieser Werkgruppe. Einen entscheidenden Impuls erhielt Poons 1971 durch Clement Greenberg, der ihm bei einem Atelierbesuch empfahl, die Leinwand aufzurichten und die Farbe zu werfen. Mit den entstehenden Wurf-Gemälden kehren lineare Spuren zurück – nicht als Zeichnung, sondern als Ergebnis von Bewegung, Material und Schwerkraft.
Poons knüpft mit seiner Technik an die Malereien von Pollock, Frankenthaler, Noland und Louis an und entwickelt deren Prinzipien konsequent weiter. Seine gegossenen und geworfenen Arbeiten gelten nicht als Rückkehr zum abstrakten Expressionismus, sondern als prozessbasierte Malerei, die die Relevanz der Malerei nach den Herausforderungen durch Minimalismus, Konzeptkunst und neue Medien wie Video und Performance wieder herstellt. Die Werke verbinden körperliche Geste, physikalische Gesetzmäßigkeit mit experimenteller Offenheit und verorten Poons fest im erweiterten Kontext der zeitgenössischen Kunst.
Larry Poons
Untitled #4, 1972
Aktuell ausgestellt: Ja (Ja (Wolfgang Hollegha. Denk nicht, schau!))
Material: Acryl auf Leinwand
Größe: 181,7 x 368,2 cm
Inv-Nr.: B_223
Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn
Schlagworte:
Verkauf: Lawrence Rubin Gallery, New York; Vorbesitz: James Pearson Duffy
Ankauf: Sammlung Reinhard Ernst, Christie’s New York, 2011
New York, Whitney Museum of American Art,
1973 Biennial Exhibition: Contemporary Art January until March 1973, S. 15, 60 illustriert
[1] “In Conversation: Larry Poons with David Rhodes”, The Brooklyn Rail, October, 2017.