In einer äußerst produktiven Schaffensphase von nur acht Jahren malte Morris Louis über 600 Werke. Inspiriert von den Drip-Paintings von Jackson Pollock und den Möglichkeiten der Soak-Stain-Technik von Helen Frankenthaler schuf er Gemälde, die sowohl von Kontrolle als auch von Zufall geprägt sind. Morris Louis begann in den frühen 1950er Jahren, verdünnte Acrylharzfarbe gezielt auf unbehandelte Leinwand zu gießen. Mit dieser neuen und eigenständigen Herangehensweise markiert Louis Malerei einen Übergang vom Abstrakten Expressionismus hin zum Minimalismus.
Schicht für Schicht ziehen sich in Dalet Sin leuchtende Farb-Schleier übereinander, überlagern sich und verdichten sich am unteren Bildrand wie ein Wasserfall, der ins Tal stürzt. Ein leuchtendes Orange und ein intensives Gelb erscheinen an den Rändern, vereinzelt sind auch Spuren eines kräftigen Blaus erkennbar. Dalet Sin entstand 1958, in der Hochphase der Veil-Serie (Schleier-Serie), mit der Louis bereits vier Jahre zuvor begann. Im selben Jahr wählte einer seiner wichtigsten Förderer, der Kunstkritiker Clement Greenberg, 23 Werke dieser Serie für Morris Louis‘ Einzelausstellung in der New Yorker Galerie French & Company aus. Dort wurde der Kunsthistoriker und spätere Kurator des Museum of Modern Art in New York, William Rubin, erstmals auf die Serie aufmerksam. Er war auch derjenige, der der Serie ihren Namen – Veil – gab. Louis selbst hatte kaum Interesse an der Titelgebung seiner Werke. Erst wenn Werke aufgespannt und ausgestellt wurden vergab er Titel – die meisten stammten von Clement Greenberg, den Louis um Vorschläge bat, darunter beispielsweise Curtain, Golden Age und Iris.
Diese Zurückhaltung gegenüber der Titelgebung verdeutlicht, dass Louis einem erzählerischen Wirklichkeitsbezug keine Bedeutung beimaß. Die Titel sollten keine inhaltlichen oder symbolischen Deutungen nahelegen, sondern den Blick auf das Bild selbst lenken. Die Gemälde folgen einer eigenen, innerbildlichen Logik aus Farbe und Fläche. Dalet Sin gehört zu den vielen Werken, die erst posthum benannt wurden. Die Arbeiten der Veil-Serie erhielten ihre Bezeichnungen in willkürlicher Reihenfolge nach Buchstaben des hebräischen Alphabets. Dalet Sin setzt sich aus dem vierten und dem einundzwanzigsten Buchstaben zusammen und dient nicht der inhaltlichen Deutung, sondern der Katalogisierung.
Morris Louis (1912–1962)
Dalet Sin, 1958
Aktuell ausgestellt: Nein
Material: Acryl auf Leinwand
Größe: 223 x 359,4 cm
Inv-Nr.: B_371
Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn
Schlagworte:
Vorbesitz: Nachlass des Künstlers; Vorbesitz: André Emmerich Gallery, New York; Verkauf: Paul Kasmin Gallery, New York; Vorbesitz: unbekannt
Ankauf: Sammlung Reinhard Ernst, Sotheby’s New York, 2016
Kasmin Gallery, „Kasmins Sixties,“ April bis Mai 2001, im Ausstellungskatalog in Farbe abgebildet
Chiba, Japan: Kawamura Memorial Museum of Art, 2008, im Ausstellungskatalog, S. 9 und Nr. 1, S. 38