Was hat Johann Sebastian Bach (1685–1750) mit Wolfgang Hollegha (1928–2023) zu tun? Abstrakte Malerei des 20. Jahrhunderts wird normalerweise nicht mit Barockmusik in Verbindung gebracht, oder? Lassen sich Holleghas Farbexplosionen hören?
Viel wurde über die Parallelen zwischen Musik und Kunst geschrieben, angefangen bei einer Terminologie, die in beiden Sparten Verwendung findet (man denke an Begriffe wie Komposition oder Chromatismus, und es gibt noch viele andere) bis hin zur Synästhesie (jener wunderbaren Wahrnehmungsgabe, die es erlaubt, Farben und Klänge gleichzeitig zu assoziieren). Noch mehr wurde über das Musikgenie des 18. Jahrhunderts gesagt. Es wäre ein unmögliches und ungerechtes Unterfangen, Bachs Beitrag zur Kunst in einem kurzen Essay zusammenfassen zu wollen, daher konzentriere ich mich in diesem Beitrag darauf, wie seine Musik Holleghas kreatives Schaffen geprägt hat. Menschen, die Bachs Musik aufmerksam hören, fühlen sich dem unergründlichen Komponisten oft in einer besonderen Art und Weise verbunden und entwickeln diese weiter – darunter auch Wolfgang Hollegha –, und zwar so sehr, dass er bereit war, sich davon in seiner Malerei leiten zu lassen. [1]


Es ist ein kalter Februarmorgen auf dem Rechberg, nahe Graz: bewölkter Himmel, es hat geschneit. Die graue Einöde draußen lässt Holleghas großformatige Leinwand im Atelier fast rebellisch leuchten: Frühling und Sommer kommen gleichwohl.
Inmitten einer Schar von Journalisten, die sich auf die Entdeckung dieses Künstlers eingelassen haben, bin auch ich voller Ehrfurcht. Trotz seiner internationalen Erfolge hat Hollegha sich für den Rückzug entschieden. Die meisterhafte Farbgebung seiner Gemälde, die Frische und Freude ausstrahlen, hat er nahezu im Verborgenen perfektioniert. Es herrscht Stille, und Holleghas Sohn Daniel legt eine CD ein. Bachs Sonaten und Partiten für Violine BWV 1001–1006. Weit entfernt von einem „Easy Listening Bach“ und nicht von irgendeinem x-beliebigen Geiger interpretiert.
Es gibt eine Vielzahl von Aufnahmen der legendären Kompositionen – allein seine Chaconne (BWV 1004), von der einige Musikologen behaupten, es sei eine Trauer um seine verstorbene Frau Maria Barbara (1684–1720) [2], wurde bereits von vielen anderen Instrumenten als der Violine gespielt[3]. Das Hören dieses Stücks (und das gilt, wie ich finde, für den Großteil von Bachs Musik) wird zu einer abstrakten Reise durch die unvermeidlichen Kreisläufe von Leben und Tod, Freude und Trauer, Präsenz und Abwesenheit. Und aus diesen akustischen Hommagen an unsere Existenz schöpfte Hollegha die Inspiration für seine eigenen Gemälde.

Bachs erste Sonate aus den Partiten erklingt aus den Lautsprechern und erfüllt das kalte, 15 Meter hohe Studio wie ein Farbfaden, der sich durch jede mit Spinnweben bedeckte Ecke schlängelt: zunächst leise, dann mit jedem Crescendo dichter werdend. Es handelt sich um eine Aufnahme des belgischen Musikers und Dirigenten Sigiswald Kuijken (*1944), einem Pionier der Wiederentdeckung barocker Spieltechniken [4]. Er ist bekannt für seine Interpretationen, die einer historisch korrekten und authentischen Wiedergabe barocker Musik besonders nahekommt. Kuijkens Vertonung zeichnet sich durch die Klarheit und Präzision aus, mit der er Bachs meisterhaftes Wechselspiel zwischen mathematischen Mustern und virtuosen Notenkaskaden vermittelt. Das muss bei Hollegha Anklang gefunden haben, denn trotz des auf den ersten Blick wie zufällig arrangiert wirkenden Farbflächen war sein Malprozess genau das Gegenteil: Hollegha hörte sich diese bestimmte Aufnahme immer wieder an, prägte sich die Interpretation ein und wusste genau, wie lange Kuijken eine bestimmte Pause halten würde, um danach in eine von Bachs anspruchsvollen Kadenzen einzubrechen.
Anekdotisch lässt sich berichten, dass sich die Wiederholungstaste an Holleghas HiFi-Anlage für ihn als unglaublich nützlich erwies, da er seine Arbeit nicht mehr unterbrechen musste, um zum CD-Player zu gehen und ständig die Rückspultaste und die Wiedergabetaste zu drücken. Holleghas Sohn Daniel erinnert sich, dass der Maler bei einer Gewitterwarnung gar nicht erst versuchte zu malen. Das Risiko, dass ein Blitzschlag seine Musik unterbrach und damit seine Arbeit beeinträchtigte, war zu hoch.
„(…) Wie ein Zirkuspferd. Das tanzt auch bei bestimmten Melodien. Und ich male gern bei gewissen Melodien. Ich höre gern alte Musik. Alte Musiker sind streng wie 12-Ton-Musiker, aber noch lebendiger. Sie sind ebenso richtig. Meine Malerei ist wie eine Fuge.” [5]

Indem er seine Werke als eine Art musikalische Komposition, als Fuge (wörtlich: Flucht), beschreibt, gibt Hollegha einen Hinweis auf den Schlüssel zu seinen Gemälden: In einer Fuge wird die Hauptmelodie oder Stimme an innerhalb der Komposition einer zweiten Stimme aufgegriffen, in einem Wechselspiel, das an ein „Fang mich, wenn du kannst“ erinnert. Viele von Holleghas Kompositionen folgen tatsächlich dieser Struktur, und das Ergebnis ist faszinierend: In höchster Konzentration und ohne eine Bewegung dem Zufall zu überlassen, vielleicht sogar choreografiert, scheinen Holleghas Kompositionen vor unseren Augen zu tanzen – mit einer Leichtigkeit, die den Geist beflügelt.
Bach zu hören und dabei Holleghas Werke zu betrachten, erweist sich als zutiefst bewegendes Erlebnis. Im Museum Reinhard Ernst freuen wir uns, allen Besuchern, die am 6. Juni zu uns kommen, diese Gelegenheit durch den Live-Auftritt der Grazer Kapellknaben zu bieten. Ein Tag, den Sie sich im Kalender vormerken sollten!
Es gelten die regulären Eintrittspreise (Das Pop-up Konzert ist im Eintritt erhalten). Buchen Sie Ihre Tickets hier.
Klicken Sie hier, um einen Einblick in das Atelier des Künstlers zu erhalten – mit Bachs Musik im Hintergrund.
Text: Ines Gutierrez, Museum Reinhard Ernst
Übersetzung ins Deutsche: Kathrin Grün, Museum Reinhard Ernst
Mit herzlichem Dank an Daniel Hollegha für den Einblick in Wolfgang Holleghas Malprozess.

Fußnoten:
[1] John Eliot Gardiner, Music in the Castle of Heaven. A Portrait of Johann Sebastian Bach, Penguin Books, Milton Keynes 2014, S. xxviii.
[2] Andrea Schurian, ‘Wolfgang Hollegha. Der Komponist der Bewegung’, first published in Parnass, 21.1.2004 www.andreaschurian.at/parnass/wolfgang-hollegha-der-komponist-der-bewegung/andrea-schurian/ (letzter Seitenzugriff am 24.05.26)
Helga Thoene. Ciaccona – Tanz oder Tombeau? Eine analytische Studie, Ziethen 2016. Eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Theorie findet sich in: Henriette Rosenkranz, ‘Chaconne (Johann Sebastian Bach, BWV 1004)’ in: www.violinorum.com/de/chaconne-johann-sebastian-bach-bwv-1004/#chaconne-kontext (letzter Seitenzugriff am 24.05.26)
[3] Eine interessante Alternative bietet Hélène Grimaud mit ihrer beeindruckenden Interpretation von Ferruccio Busonis Transkription der Chaconne für Pianoforte: in Bach, Deutsche Grammophon, 2008.
[4] Gardiner (2014), S.9.
[5] Andrea Schurian (2004). Weitere Informationen zu Holleghas künstlerischem Schaffen im Zusammenhang mit Musik finden Sie in Renate Wiehager: ‘Wolfgang Hollegha. Zur koloristischen Grammatik der Wahrnehmung’ in Wolfgang Hollegha, Museum Reinhard Ernst, Neue Galerie Graz (Hrsg.), Wienand Verlag 2025, S. 77-79.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Hubspot Embedded Content. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von HubSpot. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Hubspot Meetings. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen