Es ist Herbst. Die Wälder rund um Wiesbaden spiegeln einige der Farbtöne aus Holleghas Rindenschiff von 1983 wider: Senfgelb, Burgunderrot, tiefe Orangetöne vor einem strahlend blauen Himmel.
Da die Ausstellung Denk nicht, schau! am 25. Oktober zu Ende geht, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um über den österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889–1951) zu schreiben, mit dessen Werk sich Wolfgang Hollegha zeitlebens intensiv auseinandergesetzt hat. Der Titel unserer Ausstellung ist ein Zitat von Wittgenstein. Ist es nicht paradox, dass ein Philosoph uns rät, nicht zu denken? Sicherlich ist es wohl ein Hauptanliegen der Philosophie, durch Denken Erkenntnis und Weisheit zu erlangen, oder?
„Cogito, ergo sum“ – Ich denke, also bin ich, erklärte René Descartes [1] im 17. Jahrhundert selbstbewusst, während David Hume, der Vater der empirischen Philosophie, der persönlichen Erfahrung den Vorrang vor der rationalen Welt einräumte. Er wird noch hundert Jahre später fragen: „Wo bin ich, oder was bin ich? Aus welchen Ursachen leitet sich meine Existenz ab, und in welchen Zustand werde ich zurückkehren?“ [2] Seitdem Menschen in der Lage sind, sich mit Sprache auszudrücken, beschäftigen sie sich mit dem Nachdenken über das Denken – wobei Letzteres insbesondere die Philosoph:innen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt rückten. Ist die Sprache in der Lage, jede einzelne unserer Ideen zu beschreiben? Kann Sprache jeden Gedanken erfassen, oder ist sie ein von Natur aus unvollkommenes und begrenztes System?
Diese und ähnliche Fragen beschäftigten auch Ludwig Wittgenstein, einen jungen österreichischen Ingenieur, der Philosoph wurde und nach England zog, um beim Cambridge-Professor Bertrand Russell, dem Verfasser der Principles of Mathematics (1903), zu studieren. Wittgenstein war beeindruckt von der Fähigkeit der Mathematik, Ideen und Wahrheiten durch Formeln zu vermitteln. Die Struktur, welcher sich die Mathematik dabei bediente, war die Logik, und Wittgenstein versuchte, diese Prinzipien auf das Verständnis der Sprache und die Art und Weise, wie wir Ideen vermitteln, anzuwenden. Der Philosoph gelangte zur radikalen Erkenntnis, dass die Sprache nicht in der Lage sei, Antworten auf transzendentale Fragen wie den Sinn und Zweck unseres Lebens zu formulieren. „Es gibt allerdings das Unaussprechliche“, erklärte Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus. [3] Interessanterweise gab dieses Zitat der Einzelausstellung von Wolfgang Hollegha im Joanneum in Graz im Jahr 2025 ihren Titel. In welcher Beziehung also steht ein Maler, der sich so sehr auf seine unmittelbare Umgebung und die darin befindlichen Objekte konzentriert, zu einem Philosophen, der danach strebte, jene Strukturen zu verstehen, die unsere Wahrnehmung der Welt artikulieren?

Hollegha war ein Begeisterter von Wittgensteins Werken. Sein Sohn Daniel erinnert sich, dass die Philosophiebücher seines Vaters komplett zerlesen waren, als hätte Hollegha in diesen Texten intensiv nach Antworten auf seine eigenen künstlerischen Fragen gesucht. Der Künstler näherte sich der Realität über seine Sinne, durch intensive Beobachtung. Erst dann machte er sich an die Arbeit, um das Wesen des Objekts in seine eigene, einzigartige Bildsprache zu übersetzen. Eine Sprache, deren Struktur die Farbe und deren Herzstück die Musik ist.
Nach der Veröffentlichung seines Tractatus glaubte Wittgenstein, das Problem unserer sinnlosen Suche gelöst zu haben, und publizierte jahrzehntelang nicht wieder. In seinen Philosophischen Untersuchungen, die 1953 posthum veröffentlicht wurden, sinnierte er über die Bedeutung von Wörtern und deren Assoziationen und forderte uns auf, mit dem Denken aufzuhören und Wissen durch unsere Sinne und Intuition zu erlangen. [4] Es ist sein „Denk nicht, sondern schau!“, welches unserer monografischen Ausstellung ihren Titel gibt.
Das Unaussprechliche zu akzeptieren und das Erfassen von Bedeutung unseren Sinnen zu überlassen ist nicht nur auf philosophischer Ebene ein gewaltiger Sprung. Wir mögen zwar keine Erklärung dafür haben, warum wir überhaupt hier sind, aber vielleicht müssen wir darüber nicht grübeln, denn diese Frage kann uns nicht der Verstand beantworten, sondern unsere Sinne. Durch diese erfahren wir, wie vielfältig und reich unser Alltag sein kann: wenn wir unsere Welt intensiv mit Holleghas Augen betrachten.
Falls Sie diese Deutschlandpremiere noch nicht gesehen haben, sollten Sie sich beeilen! Sie ist noch bis Sonntag, 25. Oktober geöffnet. Am 25.10. selbst haben Sie die einmalige Gelegenheit, den Dokumentarfilm The Hero outside the Spotlight von Konrad Weixelbraun gemeinsam mit dem Sohn des Künstlers anzusehen. Hier erfahren Sie mehr über das Programm und können Ihre Tickets erwerben.

Text: Ines Gutierrez, Museum Reinhard Ernst
Übersetzung ins Deutsche: Kathrin Grün, Museum Reinhard Ernst
Mit herzlichem Dank an Daniel Hollegha für die Einblicke in Wolfgang Holleghas Leben.
Endnoten und weitere Lektüre:
[1] Descartes, René, Discours de la Méthode, 1637. Online PDF available on https://philosophie.cegeptr.qc.ca p. 22 (letzter Seitenzugriff am 17.09.2026)
[2] Hume, David, An Enquiry Concerning Human Understanding, 1748. Online version available at https://davidhume.org/texts/t/1/4/7 T 1.4.7.8, SBN 268-9 (letzter Seitenzugriff am 17.09.2026)
[3] Wittgenstein, Ludwig, Tractatus logico-philosophicus, 1922. Online version available at https://wittgensteinproject.org/w/index.php/Tractatus_Logico-Philosophicus_(English) (letzter Seitenzugriff am 17.09.2026)
[4] Wittgenstein, Ludwig, Philosphische Untersuchungen, 1953, Online version available at https://www.wittgensteinproject.org/w/index.php/Philosophische_Untersuchungen ) (letzter Seitenzugriff am 17.09.2026)
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