Das Werk Ein unvergesslicher Sommer (1991) steht im Kontext eines künstlerischen Werdegangs, der von kontinuierlicher Selbstbefragung geprägt ist. Geboren 1915 in Schneidemühl, Westpreußen verliert Bernard Schultze bei einem Bombenangriff auf Berlin nahezu sein gesamtes Frühwerk. In der Folge suchte er – wie viele Künstler seiner Generation – nach einem Neuanfang. Bis 1968 in Frankfurt am Main tätig, gehörte er 1952 gemeinsam mit K. O. Götz, Otto Greis und Heinz Kreutz zur Quadriga-Gruppe, die als Keimzelle der informellen Malerei gilt.

Schultzes künstlerische Praxis zielte auf die Offenheit des Prozesses. „Die Fragwürdigkeit der Dinge ist es auch, weshalb ich nicht gegenständlich malen kann“, notierte er programmatisch. Das Bild entsteht als ein „Vagabundieren“, als Wechselspiel von Intuition und Kontrolle: „Ich bin nicht Bild-Machender als Autorität, sondern dem Bild Gehorchender.“ [1] Diese Haltung kulminiert im Spätwerk, das seit den späten 1980er Jahren durch monumentale Formate und eine gesteigerte Detailfülle gekennzeichnet ist. Schultze selbst beschreibt diese Phase als von „Überfülle an Detailhaftem“ bestimmt, die ihn zwinge, „große Bildgeschichten zu erzählen“. [2]

Auch Ein unvergesslicher Sommer entfaltet ein dichtes Geflecht von Farben. Die Oberfläche erscheint als organisch wucherndes Kontinuum, das an vegetabile Prozesse erinnert. In der Forschung wird dieses Formvokabular wiederholt mit der Metapher des Waldes beschrieben: ein „unbegreifliches Leben“, [3] in dem sich Verästelungen, Verwurzelungen und undurchdringliches Gestrüpp überlagern. Oberhalb des Geästs öffnet sich der Blick auf den Himmel: „Himmel werden aufgerissen, neue Räume öffnen sich […] Ein Stürzen und Schwanken bis an den äußersten Bildrand ist zu spüren.“ [4]

Das Auge des Betrachters folgt diesen Strukturen ohne eindeutige Orientierung; Phasen der Bedrängnis wechseln mit lichten Zonen. Der Wald fungiert dabei nicht als Motiv im abbildhaften Sinne, sondern als Strukturprinzip, das dem „Horror Vacui“, der Scheu vor der leeren Leinwand, entgegenwirkt. Es entsteht ein dichter, atmosphärisch durchwirkter Bildraum, der Nah- und Fernsicht verschränkt und eine komplexe, barock anmutende Gesamtordnung ausbildet.

Bernard Schultze (1915–2005)

Ein unvergesslicher Sommer, 1991

Aktuell ausgestellt: Ja (Ja (Judit Reigl. Couleur vivante))

Material: Öl auf Leinwand
Größe: 259,5 x 199,5 cm
Inv-Nr.: B_100
Bildrechte: Standard Urheberrechtsbestimmungen: VG Bild-Kunst, Bonn; Nachlass Bernard Schultze und Ursula Schultze-Bluhm; VAN HAM Art Estate / Museum Ludwig

Schlagworte:

Provenienz

Ankauf: Sammlung Reinhard Ernst; Brigitte Büdenhölzer Kunsthandel, 2010

Fußnoten

[1] Bernard Schultze, Paris im März 1996, „Notizen“, in: Osiris – Zeitschrift für Literatur, 2/1997, S. 95–97.
[2] Bernard Schultze in einem Brief an Evelyn Weiss vom 26.01.1994, in: Bernard Schultze. Verzeichnis der Werke, Bd. 1, Handbuch, München 2015, S. 78.
[3] Stephan Diederich: „Unbegreifliches Leben der Wälder – Metapher und Wesenszug im Werk Bernard Schultzes“, in: Bernard Schultze. Verzeichnis der Werke, Bd. 1, Handbuch, München 2015, S. 13–19, hier S. 19.
[4] Bernard Schultze in einem Brief an Evelyn Weiss vom 26.01.1994, in: Bernard Schultze. Verzeichnis der Werke, Bd. 1, Handbuch, München 2015, S. 78 (wie Anm. 2).