Bei seinen Spachtelbildern, ersetzte Thieler den Pinsel durch den Spachtel und trug die Farbe nicht mehr malend, sondern schiebend auf die Leinwand auf. Die noch nassen Farbschichten wurden in schnellen, kontrollierten Bewegungen über den Malgrund gezogen, sodass darunterliegende Farben in harten, kantigen Linien wieder sichtbar werden. Hier zieht vor allem das leuchtende Gelb die Aufmerksamkeit auf sich. Es steht in starkem Kontrast zu Schwarz und Weiß und bestimmt maßgeblich die Wirkung der Komposition.
Die Geschwindigkeit, mit der die Bilder entstehen, ist deutlich ablesbar. Die stakkatoartigen Linien machen den rhythmischen Arbeitsprozess unmittelbar erfahrbar. An einigen Stellen verdichtet sich die Farbe so stark, dass sie reliefartig aus der Leinwand hervortritt. Dadurch entsteht eine räumliche Tiefenwirkung: Das Gelb scheint einmal im Vordergrund zu liegen, ein anderes Mal zurückzutreten und Raum freizugeben.
Thieler, dessen Leben von Verfolgung und Unterdrückung im Nationalsozialismus geprägt war, suchte nach einer Form künstlerischer Freiheit. Seit 1952 gehörte er zur Künstlergruppe ZEN 49, die sich von traditionellen und einengenden Denkmustern löste. Die Künstlergruppe verband eine gegenstandslose Malerei und eine Faszination für die Philosophien des Zen-Buddhismus. Die abstrakte Malerei ermöglichte es Thieler, sich von festen Regeln und auferlegten Ordnungssystemen zu lösen. Sein Werk steht damit für einen Neuanfang, in dem Offenheit, Dynamik und Selbstbestimmung im Mittelpunkt stehen.

Fred Thieler (1916–1999)

ohne Titel, 1957

Aktuell ausgestellt: Ja (Ja (Judit Reigl. Couleur vivante))

Material: Öl auf Leinwand
Größe: 130 x 88 cm
Inv-Nr.: A_37
Bildrechte: Standard Urheberrechtsbestimmungen: VG Bild-Kunst, Bonn

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Provenienz

Ankauf: Sammlung Reinhard Ernst; Privatbesitz Würzburg, 2000