„Helen Frankenthaler schuf Gemälde, die sich auf einem schmalen Grat [walking a tightrope] zwischen Spontaneität und Selbstbewusstsein, Improvisation und Überlegung, Auflösung und Struktur bewegen“[1], ließ es sich 1983 in der New York Times lesen.
Dieses Spannungsverhältnis lässt sich im 1969 entstandenen Gemälde Tight Rope besonders gut nachvollziehen. Das Werk steht beispielhaft für Frankenthalers Bildverständnis der 1960er Jahre und für die zunehmende Reduktion ihrer Malerei. Wie sie selbst erklärte: „Ende der 60er-Jahre wollte ich mich mehr an geometrischen Formen versuchen, als ich sie zuvor gemalt hatte.“[2] Weitere Werke aus dieser Schaffensperiode bestehen beispielsweise nur aus einer oder zwei Formen, die Frankenthaler auf die Leinwand goss. Es überrascht daher nicht, dass Frankenthaler dieses Werk selbst als Gratwanderung (Tight Rope) bezeichnete. Wie ein Seil verbindet eine dunkelgrüne gemalte Linie gegossene Flächen aus Rostrot und erdigem Graugrün.
Bereits seit den 1950er Jahren hatte Frankenthaler mit der Entwicklung der Soak-Stain-Technik ihre eigene malerische Handschrift gefunden. Dieser blieb Helen Frankentahler stets treu und fand in dieser immer wieder neue künstlerische Ausdrucksformen.
Während viele ihrer Zeitgenossen wie Morris Louis und Kenneth Noland in den 1960er Jahren in Serien arbeiteten, lehnte Frankenthaler eine serielle Arbeitsweise ab. Dennoch lässt sich in ihrem Werk dieser Jahre eine durchgängige und wiedererkennbare Bildsprache erkennen. Mit ihrer zweiten Einzelausstellung und Retrospektive im Whitney Museum of American Art in New York 1969 wurde diese Kontinuität sichtbar. Mit anschließenden Stationen der Ausstellung in der Whitechapel Gallery in London und weiteren Ausstellungsorten in Deutschland kann das Jahr 1969, in dem auch Tight Rope entstand, als Helen Frankenthalers internationaler Durchbruch betrachtet werden.
Helen Frankenthaler (1928–2011)
Tight Rope, 1969
Aktuell ausgestellt: Ja (Wolfgang Hollegha. Denk nicht, schau!)
Material: Acryl auf Leinwand
Größe: 174 x 148,8 cm
Inv-Nr.: B_596
Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn; Copyright: Helen Frankenthaler Foundation, New York
Schlagworte:
Vorbesitz: André Emmerich Gallery, New York; Vorbesitz: Privatsammlung, 1970; Vorbesitz: André Emmerich Gallery und Greenberg Gallery, New York, 1978
Ankauf: Sammlung Reinhard Ernst, 2024
Helen Frankenthaler. Move and Make, 16.03.2025–28.09.2025
[1] „Helen Frankenthaler has been creating paintings that walk a tightrope between spontaneity and self-consciousness, improvisation and deliberation, dissolution and structure.“ In: Michael Brenson, The Tightrope Helen Frankenthaler Walks, New York Times, 1983. Online: https://www.nytimes.com/1983/12/09/arts/art-the-tightrope-helen-frankenthaler-walks.html. (Aufruf: 06.01.2025)
[2] “In the late ’60s I wanted to try my hand at more geometric shapes than I had been painting previously,”. Online: https://www.moma.org/collection/works/80543 (Aufruf: 06.01.2026)