Im Jahr 1957 schrieb Wiesbaden Kunstgeschichte: unter dem Titel Couleur vivante – Lebendige Farbe fand die erste wegweisende Ausstellung abstrakter französischer und deutscher Malerei in Deutschland im städtischen Museum statt. Diese große museale Präsentation informeller Malerei vereinte 16 künstlerische Positionen, je acht aus Frankreich und Deutschland. Die Schau setzte im Nachkriegsdeutschland ein avantgardistisches und mutiges Zeichen und positionierte Wiesbaden als bedeutenden Ort für Gegenwartskunst.
Zum 70-jährigen Jubiläum 2027 plant das Museum Reinhard Ernst eine Ausstellung, die die historische Schau in Teilen rekonstruiert und die Bandbreite und die lebensbejahende Neuheit der abstrakten Malerei der 1950er Jahre erfahrbar macht. Das Werk der einzigen Künstlerin der Gruppenausstellung, Judit Reigl, wird dabei im Fokus stehen.
Der ungarisch-französischen Künstlerin Judit Reigl (1923–2020) gelang 1950 die Flucht aus Ungarn – nach acht missglückten Versuchen und einer dreimonatigen Reise nach Paris, die sie teilweise zu Fuß zurücklegte. Nach einer vom Surrealismus geprägten Schaffensphase wandte sie sich zu Beginn der 1950er Jahre der Abstraktion zu.
2026/2027 blickt das mre zurück und zugleich nach vorn: Das Beispiel Couleur vivante zeigt, wie persönliches Engagement und grenzübergreifende Zusammenarbeit tief verankerte Ressentiments überwinden können. Die bemerkenswert rasche Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg ermutigt, aus der gemeinsamen Geschichte Kraft für kommende Herausforderungen und Inspiration für ein lebendiges Miteinander zu schöpfen.
Judit Reigl. Couleur vivante findet statt im Rahmen der Kooperation des Museums Reinhard Ernst, des Museums Wiesbaden – Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur und des Nassauischen Kunstvereins Wiesbaden. Mit jeweils unterschiedlicher Schwerpunktsetzung knüpfen die drei Nachbarn an die historische Ausstellung an, die als bedeutender Meilenstein in die Kunst- und Kulturgeschichte Hessens eingegangen ist und große regionale und internationale Strahlkraft entwickelte.
Zu sehen sind Werke von:
François Arnal, Camille Bryen, Jean Degottex, Claude Georges, Karl Otto Götz, Otto Greis, Simon Hantaï, Gerhard Hoehme, Heinz Kreutz, Judit Reigl, Bernard Schultze, Jaroslav Serpan, K.R.H. Sonderborg, Fred Thieler, Claude Viseux und Wilhelm Wessel

