Das großformatige Gemälde Aschenbach I (1990) von K. O. Götz steht exemplarisch für die Arbeitsweise des Künstlers in den 1990er Jahren. Nach der farbintensiven Giverny-Serie der 1980er Jahre kehrt Götz hier bewusst zur reduzierten Schwarz-Weiß-Malerei zurück und nutzt große Bildformate, um eine gesteigerte Dynamik und physische Präsenz zu erzeugen.
Zentrales Anliegen bleibt die „variable Auflösung des klassischen Formprinzips“ [1]: Traditionelle Kompositionsordnungen werden nicht einfach negiert, sondern in Bewegung überführt und in flüchtige, energiegeladene Strukturen aufgelöst. Die Malerei erscheint dabei wie im Urzustand – flüssig, spontan, expressiv und zugleich kontrolliert.
Diese scheinbare Spontaneität ist jedoch Ergebnis eines langen theoretischen und experimentellen Prozesses. Götz entwickelt über Monate oder Jahre hinweg sogenannte „Schemata“, also formale Grundstrukturen wie Wirbel-, Zickzack- oder Diagonalbewegungen. Erst deren Ausführung erfolgt in wenigen Sekunden. In Aschenbach I zeigt sich dies etwa in wirbelartigen, kraftvoll gesetzten Pinselzügen, die sich über die Bildfläche ziehen und ein Spannungsverhältnis zwischen schwarzer und weißer Fläche erzeugen.
So wird Götz oft als der „formellste“ der Informellen bezeichnet.[2] Seine Malerei verbindet gestische Unmittelbarkeit mit einem hochreflektierten Vorgehen. Aschenbach I verdeutlicht diese Verbindung exemplarisch, indem es expressive Bewegung und strenge formale Organisation in einem einzigen, dynamischen Bildakt vereint.
Karl Otto Götz (1914–2017)
Aschenbach I, 1990
Aktuell ausgestellt: Ja (Ja (Judit Reigl. Couleur vivante))
Material: Mischtechnik auf Leinwand
Größe: 200 x 260,5 cm
Inv-Nr.: B_46
Bildrechte: Standard Urheberrechtsbestimmungen: VG Bild-Kunst, Bonn
Schlagworte:
Ankauf: Sammlung Reinhard Ernst; Galerie Maulberger, München, 2009
2009
German Action, Galerie Maulberger, München
[1] Rissa: „Bemerkungen zum informellen Werk von K.O. Götz“, in: K.O. Götz: Impuls und Intention, hrsg. von Ralph Melcher, Ausst.-Kat. Saarland Museum, Speyer 2004, S. 37-42, hier S. 37.
[2] Ebd.
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