Das Werk Eye-Scape ist beispielhaft für Jackson Pollocks Rückkehr zur Figuration in den 1950er Jahren. Mit einer scheinbar kalligrafischen Herangehensweise lässt er verdünnte Farbe auf die unbehandelte Leinwand tropfen. Markierungen, Flecken und Verläufe beschwören Totemtiere, Symbole aus der Folklore und den Legenden indigener Völker herauf, für die sich Jackson Pollock seit seiner frühen Kindheit begeisterte. So könnte sich beispielsweise auf der rechten Bildhälfte von Eye-Scape Kokopelli erkennen lassen – eine mythologische Figur aus dem Südwesten der USA, die als Gottheit für Fruchtbarkeit gilt.

Das Werk Eye-Scape befand sich bis 1958 im Besitz von Lee Krasner, Jackson Pollocks Frau. 1945 heiratete das Künstlerpaar und zog nach Springs, New York, in ein altes Bauernhaus. Die angrenzende Scheune nutzten zunächst Jackson Pollock und später Lee Krasner als ihr Atelier. Hier entstanden die wichtigsten von Pollocks Drip-Gemälden. Mit Unterstützung seiner Frau, des Kritikers Clement Greenberg sowie der Galeristin und Sammlerin Peggy Guggenheim – die Pollock 1943 in ihrer Galerie Art of This Century erstmals eine Einzelausstellung widmete – erlangte Pollocks Werk in den 1950er Jahren internationale Anerkennung.  Auf dem Höhepunkt seiner Karriere veränderte Pollock überraschenderweise seine abstrakte Drip-Technik erneut zu einem eher linearen Stil — im ständigen Wechselspiel zwischen Abstraktion und Figuration. „Wenn man aus dem Unbewussten heraus malt, müssen zwangsläufig Figuren hervortreten“ [1], sagte Pollock in einem Interview mit dem Kunstkritiker Selden Rodman, nur eine Woche vor seinem tragischen Autounfall 1956. Nach Pollocks unerwarteten Tod widmete Lee Krasner den Rest ihres Lebens der Förderung von Pollocks Erbe, während sie gleichzeitig ihre eigene künstlerische Karriere vorantrieb: „Er gab mir das Selbstvertrauen, meine eigenen Erfahrungen anzunehmen.“ [2]

Jackson Pollock (1912–1956)

Eye-Scape, 1952

Aktuell ausgestellt: Ja (Wolfgang Hollegha. Denk nicht, schau!)

Material:
Größe: 69,8 x 68,5 cm
Inv-Nr.: B_203
Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn

Schlagworte:

Provenienz

Vorbesitz: Lee Krasner, 1958; Sidney Janis Gallery, New York, 1959; Mrs. Carolyn Report, California; Sidney Janis Gallery, New York; Galerie Beyeler, Basel; Alice Urfer, Solothurn; Holger A. Nierhaus, Zürich
Ankauf: Sammlung Reinhard Ernst, Christie’s, New York, 2011

Ausstellungsliste

Einzelausstellung:
1958
„Jackson Pollock“, Sidney Janis Gallery, New York, USA
Gruppenausstellungen:
2011
„Die Natur der Kunst – Begegnungen mit der Natur vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart“, Kunstmuseum Winterthur, Winterthur, Schweiz
2006
„Plane/Figure – Amerikanische Kunst aus Schweizer Privatsammlungen und aus dem Kunstmuseum Winterthur“, Kunstmuseum Winterthur, Winterthur, Schweiz
1965
„Amerikanische Malerei“, Galerie Bernard, Solothurn, Schweiz

Fußnoten

[1]“When you’re painting out of your unconscious, figures are bound to emerge“, Jackson Pollock. In: Selden Rodman: Conversations with artist, Capricorn Books, New York 1961, S. 82.

[2]“he gave me the confidence to accept my own experience.”, Lee Krasner, 1977. Online: https://www.pkf.org/pollock-krasner/ (Aufruf: 29.12.2025)