Vom tiefschwarzen Hintergrund heben sich rasch geführte weiße Strichformationen ab: kraftvoll auslaufende Pinselschwünge und ein von Wischbewegungen und Farbspritzern rhythmisiertes Linienspiel, das sich von links nach rechts verdichtet. Die starke Reduktion auf Schwarz und Weiß sowie die betonte Leere des Bildraumes verdeutlichen, dass sich der Künstler ab 1954 intensiv mit der Zen-Philosophie auseinandersetzte. Zu dieser Zeit wählte Degottex zudem häufig japanische Begriffe als Titel für seine Arbeiten [1].

Die Benennung dieses Gemäldes verweist auf das gleichnamige Samurai-Handbuch Hagakure (dt. Hinter den Blättern), des japanischen Autors Jōchō Yamamoto. Zwischen 1710 und 1716 diktierte der Zen-Mönch einem Schreiber seine Lektionen und Anekdoten darüber, wie Samurai leben und sterben sollten. Im Zentrum steht dabei Yamamotos Auslegung des Verhaltenskodex Bushido (dt. Weg des Kriegers). Er definiert absolute Loyalität und die Bereitschaft zum Tod als wesentlichen Kern der Samurai-Ethik. Aufgrund dieser Einforderung blinden Gehorsams wurde der Text im Zweiten Weltkrieg instrumentalisiert: Er diente japanischen Kamikaze-Piloten als ideologischem Antrieb und fand im NS-Staat Eingang in die Schulung der SS. Obgleich das Werk deshalb in Japan nach Kriegsende zunächst in Verruf geriet, wurde es im Westen weiterhin als Zeugnis der Samurai-Kultur rezipiert. [2]

Degottex integriert die Inspiration durch die Zen-Philosophie in seine malerische Praxis: Auf eine lange Phase der meditativen Vorbereitung und Konzentration folgt der unmittelbare Akt des Malens, bei dem der Künstler mit spontaner, rascher Geste die Farbe auf die aufwendig vorbereitete Leinwand bringt.

Jean Degottex‘ Werk ist ein herausragendes Beispiel der kalligrafischen Abstraktion, in dem sich die Prinzipien der ostasiatischen Tuschemalerei mit der Geste des Informel verbinden.

Jean Degottex

Hagakure X, 1958

Aktuell ausgestellt: Ja (Ja (Judit Reigl. Couleur vivante))

Material: Acryl und Gouache auf Karton auf Leinwand
Größe: 106,8 x 215 cm
Inv-Nr.: B_230
Bildrechte: Standard Urheberrechtsbestimmungen: VG Bild-Kunst, Bonn

Schlagworte:

Provenienz

Verkauf: Galerie de France, Paris ; Vorbesitzer: Collection André et Bona Pieyre de Mandiargues; Ankauf: Sammlung Reinhard Ernst; Christie´s Paris, 2011

Fußnoten

[1] Jean Frémon : Degottex, Paris 1986, S. 12–13 und S. 15.
[2] Deutschlandfunk, Buchkritik – „Hagakure“ von Jōchō Yamamoto, Stänner, Paul | 15. März 2025: https://www.deutschlandfunkkultur.de/buchkritik-hagakure-von-j-ch-yamamoto-100.html