„Beim Malen sind mir alle Hilfsmittel recht. Malerei ist ein Experimentierfeld.“ [1] Das Atelier, das Fred Thieler 1965 in einer ehemaligen Kapelle in Berlin-Schöneberg bezog, bot optimale Voraussetzungen für seine experimentelle Arbeitsweise. Die großzügige Architektur ermöglichte es ihm, Leinwände und andere Bildträger direkt auf dem Boden auszubreiten – ideal für seine seit den frühen 1960er-Jahren entwickelte Schütttechnik. Dabei goss er mit Terpentin verdünnte Ölfarbe aus Eimern oder Gießkannen auf die liegende Leinwand.
„Das freie, ungehemmte Fließen und Sich-Ausbreiten der Farbe ist mir wichtig, weil es vom Zufall bestimmt wird. Stünde die Leinwand auf der Staffelei, würde die Farbe ja immer nach unten laufen.“ [2]
Diese horizontale Arbeitsweise erlaubte es Thieler, den Zufall gezielt einzubeziehen, ohne die Kontrolle über den malerischen Prozess aufzugeben. Um 1969 verfeinerte er seine Technik weiter und sprach selbst vom scharfen Gießen – einer Methode, mit der sich präzise Kanten und klar abgegrenzte Farbzonen erzeugen lassen, die mitunter wie collagierte Elemente erscheinen.
Auch im 1970 entstandenen Werk V / 69 S – 70 wird diese Weiterentwicklung deutlich. Charakteristisch ist auch die Reduktion auf wenige, kraftvolle Farben: Blau und Rot im Kontrast zu Schwarz und Weiß. Die stark verdünnten Farbflächen in Blau und Rot wirken beinahe aquarellhaft und liegen unter einer deckenden, kompakt wirkenden Weißschicht, durch die sie nur punktuell hindurchscheinen. Strukturgebend wirkt das ebenfalls verdünnte Schwarz, das stellenweise klare Konturen setzt, an anderen Stellen jedoch weich ausläuft.
Thielers Schaffen basiert auf der im Kern paradoxen Strategie des „kontrollierten Zufalls“, einem zentralen Prinzip der informellen Malerei. Neben K. O. Götz, Emil Schumacher, Hans Hartung, Bernard Schultze und K. R. H. Sonderborg gehört er zu ihren bedeutendsten Vertretern in Deutschland.
Fred Thieler (1916–1999)
V / 69 S -70, 1970
Aktuell ausgestellt: Ja (Ja (Judit Reigl. Couleur vivante))
Material: Öl auf Leinwand
Größe: 130,5 x 155,5 cm
Inv-Nr.: B_25
Bildrechte: Standard Urheberrechtsbestimmungen: VG Bild-Kunst, Bonn
Schlagworte:
Ankauf: Sammlung Reinhard Ernst; Grisebach , 29.11.2009
1970
Fred Thieler, Berlin. Galerie Schüler
[1] + [2] Gespräch zwischen Christoph Zuschlag und Fred Thieler am 30. März 1996 in Berlin, veröffentlicht in: Kunst des Informel: Malerei und Skulptur nach 1952, hrsg. von Tayfun Belgin, Köln 1997, S. 172–183.
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