Der Pottwal war hochgeschätzt unter den Walfängern, da durch sein Erlegen nicht nur die natürlichen Güter wie Fleisch oder Knochen gewonnen werden konnten, sondern auch eine einzigartige Substanz namens Spermaceti oder Walrat, ein wachsartiges Öl, das in einem mysteriösen Organ im massiven Kopf des Pottwals gefunden wurde. Als Ölquelle für Kerzen und zum Schmieren von Maschinen begünstigte der Walrat die industrielle Revolution. Frank Stella zeigt den Pottwal-Kopf als auskragendes Relief, das den Betrachtenden Einblick hinter den Schädel gewährt. Das Relief stammt aus der Serie zu Moby Dick, an der er von 1986 bis 1997 arbeitete.

Frank Stella (1936–2024)

The Sperm Whale’s Head (Moby Dick Serie), 1989

Aktuell Ausgestellt: Ja (Raum: Auf der Suche nach dem weißen Wal)

Material: Mischtechnik auf Metall und Holz
Größe: 175 x 152 x 120 cm
Inv-Nr.: B_386
Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn

Schlagworte:

Provenienz

Vorbesitz: Collection of Meredith Long, Houston, Texas; unbekannt
Ankauf: Sammlung Reinhard Ernst, Sotheby´s, New York, 2007

Ausstellungsliste

Einzelausstellung:
1993
„Reliefs from the Moby-Dick Series“, Meredith Long & Company, Houston, Texas

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Von 1986 bis 1997 arbeitete Frank Stella (*1936) an einer Serie zu Moby Dick, die insgesamt 266 großformatige Metallreliefs, eine Wandmalerei, Collagen und Druckgrafiken umfasst. Nach den 135 Kapiteln des Romans ist je ein Werk benannt.

Die Idee zu der Serie entstand, als er mit seinen Söhnen Beluga-Wale im großen Aquarium beobachtete und sich für die organischen, gekurvten Wellen- und Walformen zu interessieren begann. Seine Beobachtungen veranlassten ihn zur Lektüre des Romans Moby Dick von Herman Melville aus dem Jahr 1851. [1] Stella fasziniert die Geschichte von Kapitän Ahabs rachsüchtiger Jagd nach dem weißen Pottwal Moby Dick, die ihn durch die Weltmeere treibt.

In den Reliefs dieser Serie gelingt dem Künstler eine Verschränkung von Form und Umfeld, beides greift in den Raum aus: der gebogene Walschädel (The Sperm Whale´s Head, 1989), das Auftauchen des spindelförmigen Walkörpers (Stubb Kills a Whale, 1988), der herausspritzende Blas des Wals, gebogene Boots- und Wrackteile der Boote und des Schiffs Pequod, die spitze Harpune, zerrissene Netze und grafisch angezeigte Sog- und Strudelbewegungen (The Chase – Second Day, 1989) führen immer wieder zu einem Übergang zwischen Innen – Außen, Fläche – Raum und Figuration – Abstraktion.

Der Ozean als etwas fortwährend Veränderliches eröffnet dabei eine unendliche Zahl von möglichen Formen. In ihrer Kombination und Überlagerung lädt Stella dazu ein, mehr als nur ein Element der Erzählung in einem Moment wahrzunehmen. Wie Kapitän Ahab Moby Dick durch die Weltmeere jagt, so jagt auch Frank Stella dem Wesen der Abstraktion und ihrer Zukunft hinterher. Denn der Roman veranlasste ihn zu einer Suche nach der Antwort auf die Frage, „ob die Abstraktion geeigneter [sei], dem Roman einen bildnerischen Ausdruck zu liefern, als jede noch so geschickte Illustration.“ Damit formuliert Frank Stella das Leitmotiv der Sammlung Reinhard Ernst, das in jedem Ausstellungsraum die Potenziale der Abstraktion neu auslotet.

Literaturverweise

[1] Frank Stella: „The idea of the whale reminded me of Moby Dick, so I decided to go back and read the novel and the more I got into it, the more I thought it would be great to use the chapter headings of the novel for the titles of the pieces.“ zit. nach: Frank Stella unbound: literature and printmaking, hrsg. von Mitra Abbaspour, Ausst.‐Kat. Princeton University Art Museum, Princeton (NJ) 2018, S. 74.
[2] Vgl. Michael Auping, „The Phenomenology of Frank ‚Materiality and Gesture Make Space‘“, in: Frank Stella – a Retrospective, Ausst.‐Kat. Whitney Museum of Art, Museum of Modern Art, New Haven, London 2015, S. 15–40, hier S. 34.
[3] Zit. nach Heinz‐Norbert Jocks, „Frank Stella: ‚Ich benutze den Stil, der mir gerade in den Kram passt.‘ Ein Gespräch von Heinz‐Nobert Jocks“, in: Kunstforum international, 127, Juli – September 1994, S. 272–289, hier S. 283.